10.07.2024
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WUH
Ausgabe 14/2024
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10 Min

75 Jahre DJV – Bundesjägertag

Wir sind nicht das 5. Rad

Seit einem Jahr führt Helmut Dammann-Tamke den DJV. In Mainz feierte der Dachverband Geburtstag. WILD UND HUND hat den Präsidenten zum Interview getroffen.

Wir sind nicht das 5. Rad

Bild: Heiko Hornung

WuH: Herr Dammann-Tamke, seit einem Jahr sind Sie DJV-Präsident. Sie haben ein neues Team, versprachen den Aufbruch. Wo funktioniert‘s und wo hakt‘s?

 

Helmut Dammann-Tamke: Wir haben im DJV ganz klar die Signale in Richtung professionelle Kommunikation gestellt, die insbesondere junge Leute anspricht. Aus unseren repräsentativen Umfragen, die wir seit 2003 durchführen, wissen wir, dass die Zustimmung in unserer Gesellschaft zur Jagd gar nicht so schlecht ist, wie man vielleicht gemeinhin meint. Über 50 % sind der Jagd sehr positiv zugetan. Ungefähr 22 % sind Kritiker, um die brauchen wir uns nicht kümmern. Die kriegen wir nicht. 27 % bilden sozusagen das Feld der Unentschlossenen. An die müssen wir ran. Und dazu müssen wir aus unserer Blase raus. Wir brauchen uns nicht auf Hegeringversammlungen gegenseitig die Welt erklären oder auf die Schulter klopfen, weil wir alle wissen, wo wir Gutes und Richtiges tun. Sondern wir müssen uns unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern erklären.
Aus der Politik habe ich mitgenommen: Wir müssen den Menschen erklären, was wir machen, warum wir es machen und wie wir es machen. Nur dann haben wir die Chance, dass sie uns verstehen. Und verstehen ist die Grundvoraussetzung, um mit unserem Handeln und unseren Taten akzeptiert zu werden.



WuH: Deswegen jetzt auch eine professionelle Kampagne „Grüner wird‘s nicht“?


Helmut Dammann-Tamke: Wir haben die nötigen finanziellen Mittel im Haushalt eingestellt und mit Scholz & Friends aus Hamburg eine renommierte Agentur ausgewählt. Mit dieser wollen wir vor allen Dingen über Social Media arbeiten, weil dort die junge Generation unterwegs ist. Entgegen dem Trend bricht ihre Zustimmung zur Jagd ab oder verschlechtert sich.



WuH: Geschlossenheit im ländlichen Raum. Das betonten auf dem Bundesjägertag der Deutsche Bauernverband, der Deutsche Forstwirtschaftsrat und der Deutsche Schützenbund. Wie sehr schmerzt es, dass die Politik sich heute beim DJV nicht hat sehen lassen?


Helmut Dammann-Tamke: Ich war 20 Jahre Landtagsabgeordneter. Und ganz ehrlich, mich hat es überhaupt nicht geschmerzt. Warum? Wir haben z. B. vor 14 Tagen in der Debatte im Bundestag zum Wolf erkannt, dass von der Koalition nicht mehr zu erwarten ist, dass sie das selbsterklärte Ziel, ein regional differenziertes Bestandsmanagement, umsetzen wird. Die Grußworte zu den Jubiläen werden gern genutzt, um den Gastgebern Honig um den Bart zu schmieren. Da war es wichtiger, erst mal Allianzen zu festigen und deutlich zu machen, wir als DJV, wir stehen nicht alleine für die Interessen des ländlichen Raumes. Sondern wir stehen mit starken Verbündeten gemeinsam für die Interessen der Menschen im ländlichen Raum ein. Diesen Schulterschluss haben auch wir zuletzt bei den Bauernprotesten in Berlin gezeigt. Nächstes Jahr, so denn diese Ampelkoalition durchhält, werden wir einen Bundesjägertag relativ zeitnah an den Bundestagswahlen haben. Dann wird die Politik eingeladen, und dann erwarte ich von den politischen Vertretern hier Grußworte und Positionierungen, wo die organisierte deutsche Jägerschaft sagen kann, okay, auf diese Äußerung bauen wir.



WuH: Es gibt derzeit viele Konflikte, sehr viele Landesjagdgesetznovellierungen. Aktuell wird in Mainz an einer Reform gearbeitet. Wie viel Sorge macht Ihnen diese Novelle derzeit?


Helmut Dammann-Tamke: Die Kollegen aus Rheinland-Pfalz geben uns nach der Verbändebeteiligung vorsichtig hoffnungsvolle Signale, aber auch sie betonen: „vorsichtig hoffnungsvoll“. Denn am Ende des Tages wird ein Entwurf auf den Tisch gelegt. Und dann muss man sehen, ob dieser akzeptabel ist. Außer Zweifel steht: Es gibt für uns als organisierte Jägerschaft in Deutschland rote Linien. Auf dem Landesjägertag in Rheinland-Pfalz wurde es von mir so formuliert:
Ich habe 1985 einen land- und forstwirtschaftlichen Betrieb übernommen. Und aus dieser Perspektive eines Land- und Waldbesitzers sowie eines Jägers ist es für mich nicht denkbar, dass, bei allem Respekt für Menschen, die Forstwissenschaften studiert haben, ein Förster mir sagt, wie ich meinen Wald zu bewirtschaften habe. Der kann mich gern beraten, mir Empfehlungen geben. Aber ich setze hier auf Anreizsysteme und nicht auf Ordnungsrecht. Wer mir über das Ordnungsrecht kommt, das mir dann in der Spitze sogar noch Strafzahlung auferlegt, weil ich nicht die Ziele der Forstverwaltung auf meinem eigenen Grund und Boden umgesetzt habe, der muss scheitern.



WuH: Also wenn das forstliche Primat bliebe, dann hieß es auf jeden Fall, den Kampf auf der Straße wieder aufzunehmen?


Helmut Dammann-Tamke: Ja, natürlich, und das ist auch für uns als deutsche Jägerschaft eine absolut rote Linie. Wir wissen, dass wir beim Umbau hin zu klimastabilen Wäldern eine wichtige Funktion einnehmen. Aber wir sind nicht das 5. Rad am Wagen, um irgendwelche Ziele, die durch Forstverwaltungen vorgegeben werden, zu erreichen. Unsere Forstverwaltungen, bei allem Respekt, werden ohne aktives Mitwirken der Jäger dieses Ziel nicht erreichen. Wir sind aber auch die Anwälte des Wildes. Und deshalb erwarten wir, dass man mit uns in einen vernünftigen Dialog eintritt – für einen wildtierfreundlichen Waldumbau.



WuH: Es war ja heute sehr viel von der Geschlossenheit im ländlichen Raum die Rede. Es gab Solidaritätsadressen vom Bauernverband, vom Deutschen Forstwirtschaftsrat, was fast sogar schon überraschend war. Und jetzt verabschieden Sie heute ein Papier über das Rotwild und ein Papier zur Schaffung der Artenvielfalt im Feld. Sind darin die Konflikte mit den Bauern nicht programmiert?


Helmut Dammann-Tamke: Also erst mal glaube ich, ist es von Vorteil, dass der DJV-Präsident von Haus aus ein Landwirt ist, 20 Jahre im Parlament und davon 15 Jahre verantwortlich für Agrarpolitik war. Deshalb kenne ich beide Seiten sehr gut. Immer mehr Landwirte sehen ein, dass sie auf der einen Seite natürlich ihre Fläche nutzen müssen, um als Unternehmer das Einkommen für ihre Familien zu erwirtschaften. Aber, dass sie diesem Druck der Gesellschaft, die sich Artenvielfalt im Feld wünscht, auf Dauer nicht werden standhalten können, und dass sie klug beraten sind, in Form von guten Agrarumweltprogrammen oder Projekten, wie Bioenergie aus Wildpflanzen oder dergleichen zeigen, dass sie erkannt haben, dass auch sie einen Beitrag im Sinne von Biodiversität, Vernetzungsstrukturen und dergleichen zu leisten haben. Außer Zweifel steht dabei, dass solche gesellschaftlich gewünschten Leistungen auch fair entlohnt werden müssen. Hier muss ein Umdenken bei Landwirten und besonders bei politisch Verantwortlichen stattfinden – Stichwort Anreizsysteme.

 


WuH: Hat das Niederwild und das Rotwild noch so viel Zeit, bis das Umdenken abgeschlossen ist?


Helmut Dammann-Tamke: Beim Niederwild sehe ich in unseren klassischen Niederwildregionen eine Entwicklung, dass neben der Lebensraumgestaltung zunehmend das genauso wichtige Prädationsmanagement in die breite Fläche getragen wird. Es war für mich gestern auch bemerkenswert, dass im Workshop Niederwild in etwa, von mir geschätzt, doppelt so viele Teilnehmer saßen, wie beim Rotwild. Das hätte ich im Vorfeld nicht erwartet. Um die Zukunft des Rotwildes mache ich mir in der Tat sehr viele Sorgen, weil ich glaube, dass weniger die Landwirte gefragt sind als vielmehr die Politik. Und auch natürlich diejenigen, die den Waldbesitz zu verantworten haben. Die 3 klassischen Faktoren, die da lauten: Lebensraumverlust, Isolation einzelner Populationen und rücksichtslose Schalenwildreduktion, um waldbauliche Ziele zu erreichen, bedrohen das Rotwild. Und wenn man so will, ist der Wolf der 4. Faktor. Alle zusammen stellen in ihrer Wirkung die Zukunft des Rotwildes mittel- und langfristig infrage.



WuH: Die Fakten liegen seit Jahren auf dem Tisch. Brauchen die Jagd und das Rotwild in der Gesellschaft andere Partner?


Helmut Dammann-Tamke: Andere Allianzen, wo sollen wir sie hernehmen? Es gibt mit dem NABU, BUND und anderen bereits gute Ansätze bspw. bei der Ausarbeitung des Bundesprogramms zur Wiedervernetzung. Tierschutzverbände, bei denen brauchen wir, glaube ich, als Jäger nicht auflaufen, weil die per se nicht bereit sind, auf die Notwendigkeit der Jagd positiv einzugehen. Statt andere Partner zu suchen, sollte die Zusammenarbeit mit bisherigen intensiviert werden, etwa mit den Waldbesitzern oder der Deutschen Wildtier Stiftung.

 


WuH: Kommen wir zu etwas, was nicht funktioniert. Es gibt immer mehr Jungjäger, die Jägerschaft wächst insgesamt, aber der Organisationsgrad in den Verbänden sinkt. Mit wie viel Sorge erfüllt Sie das?


Helmut Dammann-Tamke: Mit bedingter Sorge, weil ich sehe, dass wir große Landesjagdverbände haben, die keine Probleme haben mit der Mitgliederbindung. Siehe Niedersachsen mit 89 %. Aber wir haben auch Flächenländer, die gehen runter bis auf 25 %. Und dann muss man halt mal hinterfragen, woran es liegt. Und da kommt man vermutlich relativ schnell zu der Analyse, dass es sozusagen eine kritische Masse gibt, ab der die Mitgliederzahl von Landesjagdverbänden es schwer macht, eine effek­tive Interessenwahrnehmung, eine schlagkräftige Geschäftsstelle vorzuhalten und zu finanzieren.


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DJV-Präsident Helmut Dammann-Tamke (CDU) führte selbst viele Jahre einen landwirtschaftlichen Betrieb und war 20 Jahre im niedersächsischen Landtag. (Bild: Heiko Hornung)



WuH: Wie wollen Sie das lösen?


Helmut Dammann-Tamke: Erstens müssen wir durch gute Angebote die Jäger, insbesondere eben die neu zu uns stoßenden Jäger, überzeugen, dass es Vorteile hat, Mitglied in einem Verband zu sein. Und wir müssen die Realität erkennen, dass es Verbände gibt, die aufgrund ihrer Mitgliederzahlen gar nicht in der Lage sind, das Anforderungsprofil einer schlagkräftigen Geschäftsstelle auszugestalten, oder die vielleicht auch mal bei der Novelle eines Landesjagdgesetzes mit der nötigen Professionalität gegenhalten kann. Dafür braucht es ja auch in juristischer Hinsicht gute Leute. Wer dieser Analyse zustimmt, der muss zu dem Ergebnis kommen, dass kooperative Geschäftsstellen zwischen Landesjagdverbänden eine Lösung sein könnten. Wohlgemerkt, ich spreche über kooperative Geschäftsstellen. Die regionale Identität, die uns auch als Jägerschaft in diesem föderalen Staat ausmacht, muss über das Ehrenamt in jeder Hinsicht aufrechterhalten werden. Der DJV ist gut beraten, entsprechende Entscheidungsprozesse innerhalb der Landesjagdverbände zu unterstützen.

Die Fragen für WuH stellte Heiko Hornung.

Autor: Heiko Hornung